Das digitale Nirwana

Zitate aus dem gleichnamigen Buch v. Bernd Guggenberger, ROTBUCH-Verlag Hamburg, 1997, 268 Seiten, 263 ÖS

Die schöne neue Online-Welt ist auf dem Vormarsch. Scheinbar unaufhaltsam verwandelt sie den Menschen in einen Nomaden, der in den virtuellen Welten sein Glück sucht. Nicht zuletzt auch unter Intellektuellen ist die Skepsis gegenüber den neuen Medien seltsam still. Guggenberger ist der erste deutsche Autor, der all die Verheißungen umfassend kritisiert. Dagegen ist selbst Postman kulinarische Kost.

"Auf zu neuen Ufern" ist die Devise der Technikgläubigen in Internet und Cyberspace, wo alles nur noch Information ist, was wir einmal Wirklichkeit genannt haben.

Bei solcher Euphorie in den High-Tech-Kathedralen der virtuellen Realität bleiben Zweifel an der schönen neuen Datenwelt auf der Strecke. Im Gottesdienst der Cyberfreaks geht es um Glückseligkeit im digitalen Nirwana, nicht um die dringlichen Fragen, die wir uns stellen müssen.

Was bedeutet es für unser Leben und Zusammenleben, wenn sich Dinge, Menschen und die Natur aus unserer unmittelbaren Erfahrung verabschieden? Was bedeutet der Verlust an primärer Anschauung für unsere Urteilskraft, für das Entstehen von Kreativität und Phantasie? (Klappentext)

Bernd Guggenberger, geboren 1949, Sozialwissenschaftler, Essayist, bildender Künstler, ist Professor für Politische Wissenschaften an der Freien Universität Berlin und schreibt regelmäßig für Die Zeit und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Zahlreiche Veröffentlichungen.

Teilhabe ohne Anwesenheit

Das Gemeinsame der sich abzeichnenden "Revolution" der neuen Technologien scheint zu sein, daß sie ... die Ortsbindung aufheben und Teilhabe ohne Anwesenheit ermöglichen. Dialog und Teilhabe sind im Kommunikationszeitalter nicht mehr raumgebunden. Liebespaare und Konferenzteilnehmer müssen sich nicht mehr zur selben Zeit am selben Ort einfinden. (S.25)

Das Heim ist nicht mehr, was es war

Die neue Medienumwelt, in der wir uns bewegen, prägt viele von uns längst stärker als der reale Stadtteil, die Flußlandschaft und der historische Charakter der Region, in der wir leben. ... Der Kommunikationshighway der Jahrtausendwende, der Computer, Bildschirm und Telefon zu einem einzigen interaktiven Medienhausaltar vereinigen soll, adelt das heimische Sofa zu einem fliegenden Teppich, der uns in jede beliebige Vogelperspektive über einer universal vernetzten Weltlandschaft befördert. ... (S.31)

Unsere Zukunft: der bildschirmnomadische Höhlenbewohner, der aus seinem dämmrigen Bau kaum noch hervorkriecht und für den die Welt draußen ... nur in Form der bewegten Schattenbilder existiert, die in grotesker Verzerrung an der Höhlenwand auf- und abtanzen. (S.32)

Das Öffentliche ohne die Verbindlichkeit des Ortes

Werden die neuen Technologien und ihre Anwendung auf der kommunalen Ebene die Menschen eher zusammenführen und damit dazu beitragen, das soziale Netz wieder dichter und engmaschiger zu knüpfen? Oder werden die Intensivierung der Telekommunikation und die Vervielfachung ihrer Potentiale nur ein Mehr an Gründen dafür liefern, sich noch weniger zu treffen und "overnewsed and underinformed" am wirklichen anderen vorbeizugehen? (S.46)

Nirwana zwischen Wohnzimmer und Welt

Unsere "Sozialkompetenz" verdanken wir aber weitgehend den sozialen Erfahrungen im wechselnden Visavis der jeweils Nächsten. Können auch Fernweltimpulse uns verläßlich zu "sozialen" Wesen formen? ... Wohlinformiert über Fernstes und Entlegenstes drohen die Menschen zu Analphabeten der sozialen Nächstwelt zu werden; sie gehen in einem kalten Kosmopolitismus, allzeit aufgeschlossen für die Probleme der Welt und der Menschheit, am wirklichen anderen hier und jetzt verständnislos und unberührbar vorbei. ... Die Kultur- und Sozialschneise, welche die Datenautobahn in den Landschaften der kulturellen Vielfalt, der unverwechselbaren lokalen und regionalen Besonderungen wie der sozialen Netze und Nächstweltbindungen schlägt, ist breiter und bei weitem bedrohlicher als jene, welche die achtspurigen Asphaltbahnen durch unsere Wälder und Wiesen legen. (S.50)

Wenn der Mensch ohne sich selber auskommt

Die "Tagesschau" fungiert – wie das Fernsehen und die virtuellen Netzwelten insgesamt – als "Realitätspräservativ" in dem doppelten Sinn, daß sie einerseits die "risikofreie" Kontaktaufnahme mit der Wirklichkeit ermöglicht, daß sie aber andererseits den – unter Umständen folgenreichen – Kontakt mit dem Risiko von "Lebenszwischenfällen" geradezu unterbindet. ...

Das Fernsehen als das Simulationsmedium par excellence ist nur das Flaggschiff einer ganzen Armada der Entwirklichung. ... (S.73)

"Als Phantast erscheint gegenwärtig derjenige, der irgendetwas ausschließt, was medientechnisch machbar ist. Neuere Beispiele sind der japanische Beerdigungsroboter in Form eines Shinto-Priesters und der virtuelle Psychotherapeut. Schon ändert sich das Alltagsleben: Homeshopping, Telebanking, Reisebuchung am PC, Partnersuche via Internet, Videokonferenz, Durchbruch der interaktiven elektronischen Pädagogik, Rückkehr der Arbeit in die Familie, elektronische Bücher und Zeitungen, neue Massenspiele, Durchsetzung des Spartenfernsehens, Überbietung von Real Reality durch Virtual Reality, radikale Globalisierung". Alles ist machbar, nichts ist real; und mittendrin der Mensch, um dessen Bedürfnisse angeblich alles sich dreht – immer überflüssiger, ja störender, weil unangepaßt, zurückgeblieben, von den selbstgeschaffenen intelligenten und halbintelligenten Strukturen zum Statisten und Zuschauer degradiert. (S. 74-75)

Das "Netz" und die Neumythen der Grenzenlosigkeit

Allenthalben sind wir dabei, die alten Begrenzungsmythen durch die Neumythen der Grenzenlosigkeit zu ersetzen. Wie wohl nichts sonst sind Wort und Sache des "Internet" zu einem Synonym für Entgrenzung, ja vielleicht gar zu einem Synonym für das neue Lebensgefühl grenzenloser Offenheit und grenzenlos optimistischer Zukunftsgewandtheit geworden.

Die weltweit führende Computerzeitschrift Wired wählte vor kurzem gerade "das Netz" auf den ersten Platz der sieben Weltwunder. ...

Es kann hilfreich sein, die neuen Sprachwellen aus dem Digit-All beim Wort zu nehmen: Wie wir die Sache nennen, hilft uns zu verstehen, was die Sache ist. Warum hüpfen, laufen oder fahren wir nichts durchs, sondern surfen im Internet? ...

Anders als beim Hüpfen, Laufen oder Fahren, die allesamt bewegungsmotorisch die Gesetze der Schwerkraft eher zu bestätigen scheinen, beglaubigt das Surfen geradezu deren – scheinbare – Aufhebung. ... (S.94-95)

Der "Surfer" genießt vor allem sicher selber, er kostet das Erlebnis des eigenen Körpers aus, den raschen Rhythmus- und Perspektivenwechsel. ...

Durch alles Sprechen übers Internet, alle Selbstzeugnisse, alle Verheißungsbotschaften und Propagandaschriften zieht sich die Spur eines ebenso deutlichen wie niemals erläuterten Verdachts: das größte anzunehmende Übel sei die Ortsbindung, sei die begrenzte Existenz; und ebenso die Spur der alternativen Gewißheit: das von den Menschen dieser Jahrzehnte am meisten vermißte und am sehnsüchtigsten Erwartete sei die Aufhebung dieser Ortsbindung, das Versprechen und die Chance der grenzenlos-nomadischen Existenz. ... (S.96)

"Wannabe Gods" und "Net-Religionists"

Um den unvermeidlichen Mißverständnissen und der allerwohlfeilsten Polemik die Spitze zu nehmen: Nichts, aber auch gar nichts wird in diesem Buch gesagt gegen die ganz normale und unaufgeregte Nutzung von Video und PC, Fax und Internet, Fernsehen analog und – bald auch – TV digital, nichts gegen Online-Dienste und News-groups im Internet. ...

Doch ganz abgesehen davon, daß es notwendig ist und darüber hinaus auch einzig sinnvoll, "Halt!" zu rufen, solange noch jemand anhalten oder wenigstens den Schritt verlangsamen kann – auch der Abmarsch in die Unwirklichkeit, der bereits im Gange ist, könnte dem Leben und Zusammenleben, der Kultur und der Politik Kräfte und Initiativen entziehen, deren Fehlen sich in diesen Daseinsfeldern, die auf die aktive Mitspielbereitschaft vieler angewiesen sind, verheerend auswirken könnte.

Uns selbst wenn man glaubt, solche Befürchtungen in den Wind schlagen zu können, dann bliebe als legitimes und sozialphilosophisches und technikethisches Anliegen noch immer, das Symptomatische und Zukunftsweisende jener Großdrift herauszuarbeiten, das sich in den Trendszenarien der Stunde abzeichnet. Und woran sollten sich Drift und Tendenz ... präziser ablesen lassen als an den Äußerungen und Selbstbeschreibungen jener einflußreichen Vorbild- und Stichwortgeber aus dem Kreis der New-Media- und Cybercommunity, die sich in den USA gern als "net-religionists" und "wannabe gods" titulieren und die auch hierzulande längst das Haupt recken? Sie schreiben "dem Netz" in aller drastischen Offenheit jene Attribute zu, die einst die göttlichen waren: Allwissenheit, Omnipräsenz, Transparenz, Unsterblichkeit und die Aura des Numinosen. Göttliches Internet!

Wem diese Bewertung absichtsvoll übertrieben erscheint, dem sei versichert: Sie ist durchaus ernstgemeint und wörtlich zu nehmen. Und zwar keineswegs nur in dem Sinne, daß sich irgendwo auf der Welt eine Gemeinde durchgeknallter Cybermaniaks findet, für die das Internet "Gott" ist und Surfen "Gottesdienst". ...

Nein, es sind keineswegs nur Stimmen besessener Außenseiter, welche für "das Netz" religiösen Status reklamieren. Der Medienautor Norbert Bolz nimmt die "Religion" beim Wort: Religio bedeutet im Lateinischen zunächst (Rück-)Bindung; in eben diesem Sinne ist seiner Meinung nach das uns universal verbindende Netz die "Implementierung der Religion". "Glaube, Liebe und Hoffnung übernimmt das Internet. Das Göttliche ist das Netzwerk".

Und die Digerati, die sozial "extraterrestrischen" Netzweltvirtuosen, sehen sich als Hohepriester der neuen Gottheit, als deren Statthalter und authentische Stimmen, jedenfalls solange die zurückgebliebenen Exemplare der Gattung noch im irdischen "Resonanzkörper" auf Erden wandeln. Doch damit wird es bald sein Ende haben. Nicholas Negroponte, vielleicht der Pontifex maximus der Digitalära, verkündet die ultimative Transzendenz, das Ende der alten erdbürtigen Körpernotdurft durch das gattungsinnovative Uploading unseres Geistes im digitalen Medialraum der unsterblichen Netzweltwelten: Wir betreten die Schwelle zur Ewigkeit – das Ende aller Tage ist nahe. "Die Telematik verspricht als technische Implementierung des rein Geistigen nur, was wir uns von jedem Teufelspakt erhoffen: Raum und Zeit dem eigenen Erleben zu unterwerfen."

Wir sollen werden "wie Gott" – Götter allesamt in einem selbstgeschaffenen Paradies, in dem das Wissen und die Informationen fließen wie einst Honig und Milch. (S.103-105)

Zwanghafte Informationsvermehrung

"Der größte Reichtum ist eine Fülle von Information". ... Es gibt Sätze, die zunächst so einleuchtend klingen, daß sie die insistierende Instanz des Bewußtseins unterlaufen. ... Wir haben uns nun einmal "kommunikativ" darauf verständigt, Information und Informationsgesellschaft von vornherein und fraglos sympathisch zu hören, wie wir umgekehrt übereingekommen sind, Auto- und Atomgesellschaft abzustrafen. ...

Die zwanghaften Informationsvermehrer gefallen sich überall in der Modernisiererpose, etwa so, als brächten sie der Menschheit endlich das ersehnte Licht oder ließen ihr die so lang ersehnten Flügel wachsen. In Wahrheit ist ihre Perspektive noch immer die des vorigen Jahrhunderts: als ginge es nämlich auch weiterhin vor allem darum, die Menge der Informationen zu vermehren, sie noch schneller um den Globus zu jagen und sie noch mehr Menschen an noch mehr Orten zugänglich zu machen. Erst wenn jeder an jedem beliebigen Ort zu jeder Zeit mit jedem anderen verbunden sei, wenn die Vernetzung also "total global" geworden sei, sei für ihn ein befriedigender Zustand erreicht, sagte vor Jahren einmal der Vorstandsvorsitzende eines großen Kommunikationsunternehmens. ... Die skeptische Frage jedenfalls, was denn der unvermeidliche soziale, politische, kulturelle und ökologische Preis dieser Art von informationellem Imperialismus sein werde und wer ihn wann und in welcher Form zu entrichten habe, schien ihm nicht gerade die Nachtruhe zu rauben. ...

Iridium Project nennt sich ein ehrgeiziges Programm, welches den Globus als gigantischen Informationstropf und die Menschheit als universale Netzgemeinde organisieren will. Zwanzig geostationäre Satelliten sollen bis zum Jahr 2000 jeden Quadratmeter Erdoberfläche sende- und empfangstechnisch so abdecken, daß jeder Mensch auf dieser Welt von jedem beliebigen Punkt aus jederzeit telefonisch erreichbar ist. ...

Ob man sich aber, wenn jeder mit jedem vernetzt ist, auch noch etwas zu sagen hat? Und ob es nicht am Ende für zwei Drittel der Menschheit doch weitaus dringlichere Probleme gibt als die Ausweitung der Kommunikation – Kriege und Hunger beispielsweise, fehlende Behausung, mangelhafte Ausbildung, ansteckende Krankheiten, der Überlebenskampf in den Slums und Shantytowns der 20-Millionen-Städte? ...

Eine ganz Branche scheint sich gegenwärtig darauf zu versteifen, "die bereits hinlänglich gelösten logistischen Probleme der Datenverarbeitung weiter zu perfektionieren", statt sich auf die Fragen der Selektion und der sozial bekömmlichen Anwendungen zu konzentrieren: "(...) anstatt uns damit auseinanderzusetzen, was wir mit den Daten anfangen sollen, arbeiten wir immer noch am Distributionsproblem" und an der unabsehbaren Vervielfachung der längst unüberschaubaren und damit entwerteten Datenmenge. Das aber bedeutet: Wir huldigen im Felde der Informationstechnologien noch immer dem fragwürdigsten aller Fortschrittsmärchen: daß mehr vom Guten automatisch das Gute bewirke. ...

Selbst wenn wir, der Deutlichkeit halber, einmal die fragwürdige Prämisse akzeptieren, Information sei – unabhängig von Zeit, Ort, Umstand und spezifischem Inhalt – etwas Gutes, so ist leicht deutlich zu machen, wo der Umschlag ins Gegenteil erfolgt: dort, wo sie nicht mehr orientiert; dort, wo die Selektion uns mehr (Zeit) kostet, als die Information selbst sparen hilft. ...

In Wahrheit ist der größte Feind der Information die Informationsüberflutung. ...

Zugleich aber ist auch das unterschiedslose "Alles-und-Jederzeit" das einzige Pfund, mit dem sich wuchern läßt: Jenseits der schieren Quantität haben "die Netze" nichts zu bieten; ihre Qualität ist die nicht mehr abarbeitbare Menge, die längst zur Un-Menge geworden ist. ...

Über Sinnloses (fast) alles, über Wertvolles (fast) nichts – das ist, zugespitzt, die kritische Formel für den qualitativen Aggregatzustand der Information in der Informationsgesellschaft.

Wie die entfesselte Produktionsgesellschaft ihre eigenen Hervorbringungen, die Dinge, bis hin zum ultimativen Grenzfall der nicht mehr abzutragenden Müll- und Schrottberge, entwertet hat, so ist die Informationsgesellschaft dabei, die Information zu entwerten und unvorstellbare Mengen verpuffter elektronischer Signale zu Bergen von Datenmüll und Infoschrott zu türmen.

Ist es das, was uns droht: daß wir über alles alles wissen und doch nichts, was wir brauchen können, um uns Ziele zu setzten und das Leben zu gestalten? ... Daß wir alles anklicken können und abrufen, jedoch nichts erfahren, was uns hilft, unsere Orientierungsnöte zu lindern: den Hunger nach Sinn, den Durst nach Erkenntnis zu stillen, das Bedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit zu befriedigen? ... Daß wir unter den aufgehäuften Bergen von nutzlosem Wissen das Existenzwissen verschütten, so daß wir am Ende über alles Auskunft geben können, nur nicht mehr darüber, was wir eigentlich wollen und was für uns und für andere gut ist? ... (S.105-109)

Kammerjäger im Infoland

Schon das Gutenberg-Zeitalter hat uns ein definitives Zuviel an Information beschert. Und dabei kommen die neuen Informationsvervielfacher gerade erst: Infosysteme, Datenbanken, Netze und Online-Dienste. Das knappe Gut der Informationsgesellschaft ist nicht die Information, sondern die selektive Aufmerksamkeit, ohne deren Hilfe Information mehr schadet als nützt. (S.113)

Internetflaneur und gläserner Digitalpassagier oder "Erkenne Dich selbst!"

An ihren Kompensationen sollt ihr sie (die Übel) erkennen! Als Schlüsselkompensationen der informationellen Überflußgesellschaft zeichnen sich heute schon jene artifiziellen Software-Filter ab, die so sprechende Namen tragen wie Knowboter und Smart Agents – allesamt Programme, die für uns heillos überforderte Info-Patienten quasi stellvertretend und treuhänderisch erkennen, was wir eigentlich suchen, was wir wissen, erkennen oder, schlichter, nur einfach kaufen wollen (und sollen). ...

Der Internetflaneur wird zum gläsernen Digitalpassagier. Jedes Zögern, jedes Verweilen, jedes Umschauen und Zurückkehren, aber auch jeder Sprung und jede Volte, jedes Flüchten und Ausweichen werden sorgsam registriert und als authentische Willensäußerung interpretiert. Jeder Mausklick löst ein Feedback aus; die Reihe solcher Feedbacks kreiert wundersamerweise die rechnergenerierte Entscheidungspersönlichkeit – ein digitales Alter ego, welches das "bloß " authentische Ich an Entscheidungs- und Wahlkompetenz um ein Vielfaches überbietet. ...

Wo "alle" Daten verfügbar sind, werden wir nicht nur alle zu Ausspähern und Beobachtern, sondern eben alle auch – unter Umständen unfreiwillig – zu Beobachteten und Ausgespähten, deren Neugier und deren Kaufakte, deren Reiselust und deren Lesegepflogenheiten, deren Sexualität und deren Sehgewohnheiten sich in Nachfrage-, Neigungs- und Nutzerprofilen aller Art niederschlagen. ... (S.116-117)

Computerkultur und kommerzielles Milieu

Wohl noch nie, wie gerade unter dem Eindruck der Medienentwicklung während der letzten anderthalb Dekaden, wurde so deutlich, daß Unterhaltung immer auch Untenhaltung bedeutet. Zwischen panem et circenses und den zeitgenössischen Versionen der Marke "Baguette und Telespiele" existiert unter diesem Aspekt kaum ein Unterschied. Wenn die Werbemacht die Weichen stellt, wird von den vielen Freiheiten, die sich viele von den Netzen erträumen, bald nur noch die eine übrig sein: die Freiheit, Geld zu machen – und ihr Komplement: die Freiheit, es auszugeben. ...

Die libertären Blütenträume einer grenzenlosen Abenteuerfreiheit im Internet könnten rasch ausgeträumt sein. Das Netz der Netze wurde, um es schnell großzuziehen oder um sich beizeiten Marktanteile zu sichern, aus öffentlichen und privaten Kassen großzügig subventioniert. Nun, so heißt es allenthalben, müsse das Netz von seinen paradiesischen Kindertagen rasch Abschied nehmen und endlich erwachsen werden, damit die digitale Allmende der (fast) unentgeltlichen Netzkapazität nicht ebenfalls den Übernutzungstod ihres spätmittelalterlichen gemeinwirtschaftlichen Vorbildes stürbe und der Cyberspace in lang anhaltender Datenfinsternis versinke. Das Zauberwort heißt "nutzungsabhängige Gebühren", statt der bisherigen quasi-egalitätren Pauschalgebühr. ...

Nichts, gar nichts wird von der Abenteuerromantik und dem Wildwest-Flair des "anarchistischen Internet" übrigbleiben, wenn in den Netzen erst einmal Wegbegrenzungen aufgebaut, die neuen Zäune gezogen, die Mautstellen eingerichtet und die Auktionshallen aufgeschlagen sind, an denen von autorisierten Software-Agenten Vorfahrtsrechte, Expreßtarife und Überlastkapazitäten meistbietend gehandelt und zugeschlagen werden. ... (S.121-123)

Mediale Hofberichterstattung

Digerati aller Länder, aufgepaßt! Noch steht ihr ganz obenan auf der themensaisonalen In-Liste. "Ein paar Jahre werden die Intellektuellen den Cyberspace noch als die größte Entdeckung der neueren Weltgeschichte feiern, ... Aber irgendwann wird einer merken: ... Wer morgens seine Maus sattelt, um ins Internet einzufahren, hockt vor einer (...) 17 Zoll Diagonale messenden Glotze und verläßt diese am Abend mit Kreuzweh, tränenden Augen und steifen Gliedern. Wirklich erlebt hat er eigentlich nichts; ... Der erste, der das alles gemerkt hat, wird sofort einen Bestseller schreiben, darin das Internet entmystifizieren und die zur Cybernautik bekehrte Menschheit mit der provozierenden These überraschen, das Internet sei ja wie Fernsehen, nur schlechter, wenn auch interaktiv. ..."

Es sind die sirenengleichen Zwänge einer solchen erwartungsfrohen Voreingenommenheit und Parteilichkeit, welche für die paradoxe Situation verantwortlich zeichnen, daß alle etwas zu brauchen glauben (Computer und Internet) – und doch keiner so recht weiß, wofür. Der nichtkommerzielle User, der mit nachvollziehbaren Gründen anzugeben weiß, weshalb für ihn die Nutzung des Internet unverzichtbar ist, bleibt ein Ereignis vom Unwahrscheinlichkeitsgrad der unbefleckten Empfängnis. ... (S.126-127)

Bienenstaat und Netzweltleviathan

Die Standarderwartung lautet: Computer und Telekommunikation wirken dezentralisierend. Warum eigentlich ist hierzulande in keiner öffentlichen Debatte über die sozialen Folgen der Multimediaentwicklung die exakt gegenteilige Erwartung präsent: die der "totalitären" Vernetzung, des zentralistischen Insektenstaates? ... Warum sollten die Millionen disparater PCs nicht aus ihrer Vereinzelung heraustreten, sich zu großen Computerformationen gruppieren und zu einem gigantischen Netz-Leviathan verbinden wie einst der Hobbes´sche. ... Warum sollten sie nicht, Bildschirm neben Bildschirm, sich wie Zellen auf einem durchgängigen Nervenstrang ausrichten, warum nicht Zug um Zug zu einem neuen großmenschlichen Maschinenorganismus zusammenwachsen? Und warum sollte nicht einer solchen Tendenz ... auch eine eigene Verführungskraft innewohnen: lustvolle Hingabe an die neue, makroanthropogene Einheit, mächtiger und gewaltiger als alle, die an ihr partizipieren, zusammengenommen; Glücksgefühle bei der Auflösung des Ich, der freiwilligen Preisgabe von Individualität und Autonomie; Faszination angesichts des vielleicht erhabensten Verschmelzungserlebnisses, seit Menschen faszinierende Großmaschinen errichten?

Warum sollten sich eigentlich nicht, schleichend oder abrupt, extrem zentralistische und hierarchische Tendenzen im Netz breitmachen, welche die anarchisch-egalitäre Netzweltherrlichkeit überlagern und ins schiere Gegenteil verfremden? ... (S.131-132)

Cyberfreaks als nützliche Systemidioten

Wie konnte eigentlich ernsthaft jemand das Internet, von all seinen primären Anmutungsqualitäten her der Geisteswelt des Großen Bruders zugehörig, mit einem Trockenschwimmbecken für basisdemokratische Freischwimmeraspiranten verwechseln? Ist jemals in der Geschichte der Menschheit eine perfektere Infrastruktur für die lückenlose Kontrolle und kleinliche Gängelung großer Massen entstanden als gerade jetzt ...?

Vor wenigen Monaten noch wurde das Internet als großer Freiheitsbringer für die unterdrückte Opposition im kommunistischen China gepriesen: ...

Diese optimistische Lesart hatte nur eine Kleinigkeit übersehen: daß nämlich auch die totalitären Machthaber und ihre Spitzel sich des Internets bedienen vermögen; ja, daß es sich sogar ganz ausgezeichnet auch als Instrument der Kontrolle und Bespitzelung selbst eignet. ...

Bleibt die Frage: Wie konnten die Stimmen der Naiven und naiv Wohlmeinenden in den zurückliegenden Jahren auf Kongressen und Podiumsdiskussionen, in Hochglanzmagazinen und den Feuilletons großer Zeitungen nur ein solches Übergewicht gewinnen, daß die wenigen Warner fast zu lächerlichen Randfiguren degradiert wurden - hoffnungslos vorgestriges Fußvolk, technikfeindlich, eine Gefahr für Modell und Standort Deutschland?

Die Antwort ist eine zweifache: Erstens, es existieren kapitalkräftige Großinteressen, denen ein fortschrittsoptimistischer demokratie- und menschenrechtsnaher "Mythos Internet" gut in die Imagekampagnen paßt; und zweitens, viele sehnen sich am "Ende der Utopien" vor allem nach einem – nach der utopischen Lösungsformel. Die scheint mit dem Internet gefunden: Es soll die administrative Gängelung beenden, allen Bürgern flugs zum aktiven demokratischen Partizipantenstatus verhelfen, obendrein die Umwelt via Teleaktivität vor dem "Verkehrskollaps" bewahren und die bedrohten Paradiese dieser Erde retten, indem es uns die virtuelle Großwildsafari offeriert. (S.141-143)

Smart Agents

Was die Daumenschrauben der Zensur auch im Internet vermögen, sofern die politischen Rahmenbedingungen entsprechend sind, war am Schicksal der chinesischen Oppositionsbewegung schon zu beobachten. Bedenkt man, daß die elektronischen Spuren, die der Netzbenutzer hinterläßt, nicht weniger deutlich sind als jene vom Einbrecher in der frischen Gartenerde hinterlassenen, dann zeichnen sich hier Einfallspforten für totalitäre Überwachung, Kontrolle und Gängelung in historisch neuer Dimension ab. Aber auch den nur scheinbar harmloseren Formen eines neuartigen Kultur- und Lebensdirigismus, dessen überwältigende Wirkung gerade damit zusammenhängt, daß die in ihm enthaltenen Momente der Fremdbeeinflussung so schwer dingfest zu machen sind, werden Tür und Tor geöffnet. ... Der persönliche Smart Agent, das leise elektronische Helferlein, das mit unbestechlicher Sorgfalt und präziser Unerbittlichkeit die Karte meiner Wunschlandschaften und Begehrlichkeitsozeane vermißt und beschriftet, wird mir soufflieren ... Diese auf den Leib geschneiderten Persönlichkeitssyteme werden uns, wie einst die Mafia, in wachsendem Maße mit Vorschlägen konfrontieren, "die man nicht ablehnen kann". ...

Und was ist – jenseits solcher und verwandter Möglichkeiten externer Zudringlichkeit – von der so sympathischen Aussage zu halten, das mit jedem Tag wachsende, mehr und mehr Menschen miteinander verbindende Netz habe "den Menschen auf der ganzen Welt die Freiheit gegeben, ihre Meinung zu sagen"?

Geht das "Mehr und Mehr" nicht unvermeidlich auf Kosten der Aufmerksamkeitsintensität gegenüber der je einzelnen Meinung? Wer hört noch hin, wenn alles sendet? ...

Daß jeder, ohne Kontrolle der Qualität und der logischen Stringenz seiner Argumentation, Ressentiments in der Form von Textzeilen im Netz absondern kann, ist ein Frustschutzmittel von äußerst zweifelhafter Haltbarkeitsdauer. Längerfristig wird es Ohnmachts- und Vergeblichkeitsgefühle eher verstärken, als sie vertreiben helfen. (S.147-150)

Die schwarzen Löcher der Informationsgesellschaft

Es gibt Sätze, die werden nicht intelligenter dadurch, daß alle Welt sie immer wieder nachplappert. Einer dieser Sätze lautet, Information sei Macht. ... Vermutlich ist genau das Gegenteil richtig: Informationsüberflutung hält Ohnmächtige in ihrer Ohnmacht fest! "Richtiger" könnte dieser Satz allenfalls werden, besagte er, daß ausnahmslos alle Informationen ausnahmslos allen zur Verfügung stünden. ... Information ist also, realistisch betrachtet, nur Machtchance für die Mächtigen, für jene, die die Möglichkeit haben, die Datenumwelt abzuschöpfen und die kräftezehrende Selektionsarbeit zu leisten – wie Goldschürfer, die Tonnen an Erdreich für ein paar Unzen Gold bewegen! Wer diese Möglichkeit nicht hat, den wird die Datenlawine unter sich begraben.

Eine häufig vernommene Variante des obigen Satzes ... lautet: Macht haben jene, die die neuen Technologien beherrschen. Weit gefehlt! Nein, Macht haben jene, die es nicht nötig haben, diese Technologien im Sinne des technischen Handlings selbst zu beherrschen. Macht hat, wer sich freikaufen kann. ... Diese Verwechslung von elektronischer Technikkompetenz und gesellschaftlicher oder politischer Macht ist ungefähr so töricht, wie es vor einem Halbjahrhundert töricht gewesen wäre zu argumentieren: Das Auto und die Schreibmaschine sind wichtige Zukunftstechnologien; mächtig wird sein, wer Auto fahren und tippen kann! ... (S.150-151)

Demokratie per Fernbedienung

Was bedeutet dies für die Möglichkeiten der Demokratie? Zunächst einmal: Es gibt ein machtvolles Interesse daran, die Vervielfachung und Beschleunigung des Informationsumschlags samt der Verbindung jedes mit jedem mit "Demokratie" zu identifizieren. ... Wenn beispielsweise Lawrence Grossmann, der Präsident von NBC-News, der zeit seines Lebens nie durch lautstarke Rufe nach der Abschaffung ausgerechnet des politischen Repräsentativsystems aufgefallen ist ..., nun plötzlich ...in einem Buch über die "Elektronische Republik" sein Herz für die altgriechische Polisdemokratie entdeckt (samt der den neuen Medien inhärenten Möglichkeiten der elektronischen Volksabstimmung) – ist dann der Verdacht wirklich so abwegig, der so erstaunliche Appetit auf die direkte Demokratie könnte auch von geschäftlichen Gewinnerwartungen beflügelt sein?...

Doch selbst wenn alles ernstgemeint und zum verbalen Nennwert zu nehmen wäre – dürfen wir uns die "elektronische Republik" mit ihren "Volksentscheiden per Netzwerk" in Permanenz wirklich wünschen? ... Nein. ... (S.152-153)

Global Brain – gattungsweise Verschmelzungssucht

So leicht indes die Netzvisionen zu widerlegen sind, so schwer sind sie zugleich zu erschüttern; denn hinter all diesen Beschwörungen stehen handfeste Interessen. Hier werden gewinnträchtige Claims abgesteckt. ... Hier ist ... psychologisch noch anderes virulent. Was motiviert sie wirklich, die so weit verbreitete und so unwidersprochen hingenommene Netzwelteuphorie?

Möglicherweise dies: Nach allem, was wir über die eigene Vor- und Frühgeschichte wissen, kann sich das Gemeinschaftswesen Mensch nur unzulänglich mit der Vereinzelung abfinden. Untergründung scheint sich eine Art gattungsweiter Verschmelzungssehnsucht zu erhalten, die Sehnsucht, eins zu werden mit allen anderen Ententen, sich über den Globus hinweg zu einem einzigen, unermeßlich großen Körper zu verbinden, einem elektronischen Großwesen, dem digitalen Makroanthropos, größer als alle gewesenen Großkörper der Geschichte – die religiösen und die militärischen, die ideologischen und die von der Arbeitsorganisation erzwungenen. Formiert sich "im Netz" das neue überindividuelle Weltwesen, das Gobal Brain, dem jeder zustrebt, zu dem jeder seinen Beitrag liefert, der sich einklinkt? ...

Man muß diesen weitreichenden Spekulationen gewiß nicht folgen, wenn man gleichwohl feststellt, daß sich mit den Vernetzungshoffnungen stets auch enttäuschte soziale Sehnsüchte verbinden. Allein – sie werden sich nicht erfüllen. ... (S.161-162)

Überinformation, Orientierungsdefizite, Motivationsschwächen

Diesen Hoffnungen liegt indes ein analytischer Fehlschluß zugrunde: Das Demokratieproblem ist kein Informationsproblem, wie uns die Propagandisten der elektronischen Agora suggerieren, es ist vor allem ein Beteiligungsproblem. ...

Schon jetzt ist doch für die allermeisten, die sich für Politik interessieren, die Einstiegshürde nicht ein Zuwenig an Information, sondern das Gegenteil: ein ins gänzlich Unüberwindliche anwachsender Informationsberg, der einem den Ein- und Durchblick nimmt. ...

Dem Terror der Sachen ("Wer viel hat, hat auch viel abzustauben!") wird sich der Terror der Daten zugesellen: Wer alles wissen kann, muß sich pausenlos mühen zu wissen, was er wissen muß! Und dies ist nicht einfach eine zusätzliche Nebenbeschäftigung, sondern gewissermaßen der neue abendfüllende Fulltimejob: sortieren, selektieren und strukturieren; in den Tonnen nutzlosen Infoschrotts nach den wenigen brauchbaren Stücken fahnden. ...

Die nicht kanalisierbare Überinformation ist für unsere chronische Orientierungsschwäche verantwortlich; eine Schwäche, die durch noch mehr von dem, was schwach macht und niederdrückt, gewiß nicht zu kurieren ist. ...

Wie gesagt: Das Demokratieproblem ist kein Problem des ungestillten Datenhungers oder der informationellen Mangelerscheinungen; es ist vor allem ein Partizipationsproblem, oder anders ausgedrückt: ein Problem der chronisch schwachen Motivation. ... (S.167-169)

Begegnungsängste und globale Angstgemeinden

Die wirkliche Begegnung mit dem wirklichen anderen ist für die Entwicklung des menschlichen Sozialwesens unabdingbar und durch nichts sonst zu ersetzen. ...

Allen anderslautenden Trendmeldungen zum Trotz: Die Medien lassen uns vereinsamen, sie werfen uns auf uns selber zurück, bestätigen und verstärken latente Ängste, statt sie in der Erfahrung des anderen, der sich in einer ähnlichen Situation befindet, zu überwinden. ...

Der elektronische Kunstraum des Cyberspace ist dabei, zu einer gigantischen Hyde-Park-Corner der Verfolgungsängstlichen und Verschwörungsparanoiker zu werden. Die quasi extraterrestrischen Gefilde, die er bereitstellt, üben auf verbitterte, enttäuschte und verzweifelte Randfiguren der Gesellschaft magische Anziehungskraft aus: Hier ist niemand, der sie korrigiert, zurechtweist, auf eigenes Versagen aufmerksam macht, niemand, der kleinlich auf die Differenz ihrer esoterischen Patchwork-Weltbilder zur empirischen Realität beharrt. ... (S.176-177)

Karneval der sozialen Ortlosigkeit

Der Karneval der Ortlosigkeit, der im Internet das ganze Jahr über Saison hat, entbindet Formen der Schamlosigkeit und des sozialen Kontrollverlustes, wie sie traditionell immer schon für künstlich geschaffene Extraterritorien und Auszeiten typisch waren. Entortung und Anonymisierung sind stets Wegbereiter der Enthemmung und der unkontrollierten Beliebigkeit. ... (S.179)

Interaktiv ins große Verstummen

Die digitale Netzwelt wird fast immer in Metaphern des Verbindens und des Zusammenfügens beschrieben. Doch sie treffen nur die technische Außenfläche dieses gigantischen Sozialexperiments. Die Wirkungen im Innern dieser Gesellschaften sind vermutlich die genau gegenteiligen: die beispiellose Dissoziation und Erosion des Sozialkörpers, die geradezu "babylonisch" zu nennende Fragmentierung des gesellschaftlichen Kosmos, das Auseinanderdriften und die Segregation seiner Bewohner, die Auflösung der sie umfangenden Sozialmilieus. ...

Die Verbindungsillusion, welche die Netzweltapologeten beschwören, und das Elend sozialer Unverbundenheit stehen in einem engen wechselseitigen Verhältnis von Ursache und Wirkung. In Wahrheit fallen wir interaktiv ins große Verstummen zurück, driften hochgradig vernetzt und verkabelt in die Vereinzelung und verlieren uns, mit tausend elektronischen Fäden unsichtbar verbunden und verwoben, immer mehr in sozialer Unverbindlichkeit und Gleichgültigkeit. ... (S.182-183)

"Mediatische" vs. soziale Nähe

Da auch im Zeitalter der Telekommunikation der Tag nur 24 Stunden hat, gehen alle Formen der teleaktiven Präsenz quantitativ unvermeidlich auf Kosten der aktiven Beteiligung an der sozialen Nahwelt. ... (S.183-184)

Jeder lernt für sich allein

Auch von Lernkonzepten, die nur noch auf "mediatische Nähe" setzen und nicht mehr auf Anwesenheit und solidarische Gemeinschaft, ist wenig Gutes zu erwarten. ... In der Schule lernen wir ja nicht ganz von ungefähr in Gruppen, in mehr oder weniger solidarischer Gemeinschaft mit anderen Lernwilligen und –pflichtigen. Die Lehr- und Lerngemeinschaft Schule ist durch den Datenhelm über dem Kopf und den Mausklick ins Internet nicht zu ersetzen. ...

Im Blick auf den effektiven Erwerb von reproduzierbarem Wissen mag es durchaus Vorteile bringen, für sich selbst am Computer zu lernen. Doch ist effektives Lernen keineswegs der einzige Zweck des Unternehmens Schule ... Die Schule und mit ihr sämtliche öffentliche Bildungseinrichtungen haben seit ihrer Einführung, über den effektiven Wissenserwerb und die individuelle Fertigkeitsfitness hinaus, stets auch allgemeinere, an der sozialen "Bewegungsfitness" des Gemeinschaftskörpers orientierte Erziehungsziele verfolgt...

Wenn der Platzhirsch nicht mehr röhrt

Der Netz-Eskapismus bietet gegenüber dem traditionellen "Tapetenwechsel", z.B. der Urlaubsflucht nach Mallorca oder in jedes beliebige andere der künstlichen Paradiese, den konkurrenzlosen Vorzug der verzögerungsfreien Jederzeitigkeit, vor allem aber den der vollendeten Körperlosigkeit. ... Der Lustgewinn im Internet beruht vor allem auf der Erfahrung sozialer Schwerelosigkeit. Die Netzweltkontakte kreieren keine wirkliche alternative Sozialwelt; sie fungieren als eine Art sozialen Frustschutzmittels auf einer Reise nach innen, die viele schon antraten, lange bevor sie den Cyberspace als Bestimmungsort für sich entdeckten. ... Der Abschied, der hier auf den großen und kleinen Bühnen zelebriert wird, ist ein Abschied von Menschen und Dingen, von Orten und Landschaften, von Politik und Gesellschaft, aber auch von Herkunft und Zukunft; und er ist zugleich der Eintritt ins digitale Nirwana der ortlosen Gleich-Zeit, auf Duzfuß mit allen anderen Schattenwesen. (S. 194)

"Hand an uns legen"

Sollten eines Tages die virtuellen Welten erfolgreich mit der schnöden Realität konkurrieren, dann müssen wir sozusagen beherzt Hand an uns selber legen: "Der einzige Ausweg, der uns langfristig offensteht, ist die Entwicklung von direkten Verbindungen zum Nervensystem (...) Langfristig wird dieser direkte Zugang zum Nervensystem die einzige Möglichkeit darstellen, die Versprechungen der virtuellen Welten zu realisieren, denn erst mit der völligen Kontrolle der Datenflüsse ins Hirn wird es möglich, eine Realität zu erzeugen, die für die sie wahrnehmenden Personen von der "normalen" sinnlich nicht zu unterscheiden ist." ... (S.199-200)

Präventivkollaboration

Wenn amerikanische Wissenschaftler aus den Hochburgen der KI-Forschung ... uns in fast gleichlautenden Formulierungen beschwören, wir möchten uns endlich auf die Alternativen jenseits der Biologie besinnen – soll heißen: unseren Geist endlich von dem sterblichen Wassersack des Körpers samt seiner verderblichen Eiweißstrukturen befreien und in den unsterblichen Maschinenleib des Roboters umsiedeln -, dann wird deutlich, worum es in dieser Auseinandersetzung geht: um die Idee des ewigen Lebens, darum, "zu sein wie Gott". Daß wir erst einmal verschwinden müßten, um ewig zu leben, scheint wenige zu stören. ... (S.202)

"Man-made Evolution": Die Wiederkehr des Utopos der Unsterblichkeit

Es ist gewiß vermessen, zu mutmaßen, was die großen Themen des neuen Jahrtausends sein werden. Doch die Prognose sei gewagt: Der Kampf wird sein zwischen jenen, die die Weichen der Man-made Evolution auf Unsterblichkeit stellen wollen, und jenen, die eben dies für den Untergang des Menschen halten. Die Prognose ist nicht einmal sehr riskant, denn der Kampf hat schon begonnen. ...

Um zu werden wie die Maschine, um zu können, was sie kann, muß der Mensch vor allem schneller und leichter werden. Er muß die Trägheit seines Körpers überwinden, die ihn am Boden hält. Er muß den geforderten "Sturz der Materie" ... vor allem am eigenen Körper vollstrecken. Mit dem digitalen Nirwana hebt die Epoche des körperlosen Geistes an; mit ihm beginnt das wirkliche neue, das postbiologische Zeitalter. ... (S.202-203)

Das Tentative und das Ostentative oder Die Entmachtung von Lebenserfahrung

Niemand zeigt sich ernstlich beunruhigt ob der jüngsten Erkenntnisse und Anwendungsversuche der –Hirnstimulation, die keinen Zweifel daran lassen, daß es bald möglich sein könnte, die Grenze von Sein und Schein, vom einzelnen her unentscheidbar und unüberprüfbar, zu verwischen. Wenn es erst möglich –ist, durch direkte Hirnstimulation (ohne den Umweg über die getäuschten Sinne, wie noch bei den auf den Körper geschnallten Cybertechnologien!) den erlebnisgleichen Eindruck eines Ereignisses, einer Begegnung oder eines Gefühls hervorzurufen, dann ist es für die Psychologische Repräsentanz all dessen im Erfahrungshaushalt des einzelnen vollkommen unerheblich, ob den gewonnen Eindrücken "Realität" entspricht oder nicht. ...

Wenn die vorgespiegelte, fiktive Realität genauso erlebnismächtig und wirkungsstark ist wie die Realität, dann bedeutet dies im Ergebnis die völlige Entmachtung von Lebenserfahrung. Niemand braucht mehr in einem gefühlsmäßig wechselvoll durchmischten Leben Erfahrung zu erwerben und zu akkumulieren. Erfahrung muß nicht mehr erlebt werden, mit Leben abgegolten und bezahlt. Es genügt fortan, an wunschgenau zurechtgemixten Illusionscocktails mit der Nachhaltigkeit von Lebenserfahrungen zu nippen und sich, völlig risikofrei, nach Wunsch und Laune paßgenau mit Erlebnisnachschub stimulieren und manipulieren zu lassen. ... (S.208-209)

Was bleibt vom Menschen?

Je mehr die Differenz zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen ("The Born" vs. "The Made") verschwindet, desto weniger können wir sicher sein, daß das, was uns "leibhaftig" begegnet und körperlich gegenübertritt, auch "lebendig" ist. Mit wem spreche ich, mit wem spiele ich Schach? Selbst wenn mein gegenüber, mit dem ich beispielsweise in einer Fernsehdebatte die rhetorische Klinge kreuze, "aus Fleisch und Blut" ist, kann keineswegs als ausgemacht gelten, daß nur die hauseigene Intelligenz aus ihm spricht. So, wie ich die ursprüngliche Haar- oder Augenfarbe meines Gegenüber nicht mehr eindeutig ausmachen kann, so auch nicht mehr, ob nicht "fremde Zungen" aus ihm sprechen – etwa die des PDA, des Personal Digital Assistant, der, vielleicht als Cerebralimplantat, für ein umfassendes Gedächtnis sorgt, für den Zugriff auf ein jederzeit abrufbares Expertenwissen, für raschere Denkfähigkeit und diversere Kombinatorik. ...

Beim Herzschrittmacher war es erstmals in aller Deutlichkeit die Maschine, die dem Leben Rhythmus und Geschwindigkeit vorgab. Warum sollte, was für die Herzfunktionen gilt, künftig nur für diese gelten? Prinzipiell alle Körperfunktionen stehen wohl schon in allernächster Zukunft der technisch-maschinellen Beeinflussung offen. ...

"Wir sind alle Chimären", schreibt Donna J. Haraway, die Begründerin der "Cyborg-Anthropologie", wir sind "Hybriden aus Maschinen und Organismen; kurz, wir sind Cyborgs." Der Cyborg – ein Kunstwort, aus der Synthese von "Cybernetic" und Organism" entstanden – bezeichnet eine hochkomplexe Symbiose aus Mensch und Maschine, die funktionelle Verschmelzung des menschlichen Körpers mit dem technischen Artefakt des elektronisch gesteuerten Apparates. Der Cyborg ist ein mit Bewußtsein ausgestattetes Mischwesen, zusammengesetzt aus Bestandteilen des Natürlichen ("The Born") und des Gefertigten ("The Made"), wobei in der Tendenz die Unterscheidungsmöglichkeit zwischen beiden Bereichen immer mehr verlorengeht. ...

Wir sind auf dem besten schlechten Weg hinein in die Man-made Evolution, mit neuen, posthumanen "Artgenossen" in einer neuen, postbiologischen Umwelt. (S.215-217)

Evolutive Selbstveränderung statt "Nachhaltigkeit"?

Die politisch pflichtkorrekte, vornehmlich akademiepolitische Bewältigung etwa der Nachhaltigkeitsdebatte zeigt nur, wie sehr wir uns noch immer über das täuschen, was als "große Drift" längst vorgeht: Längst setzt die Gesellschaft im ganzen wohl nicht mehr auf Sparsamkeit, Umkehr und Wiederherstellung, auf ein innerhistorisches "Zurück" zu einem tragfähigen Gleichgewichtszustand in Sachen Ökologie und Ressourcennutzung, auf Leitbilder der Stabilität und des Dauerhaften; längst scheinen die Weichen technologiepolitisch auf ungehemmte Beschleunigung gestellt, die Signale auf den Aufbruch in die neue postbiologische Dimension geschaltet. Die Erwartungen gelten – wie die MIT-Kollegen in schöner Offenheit sagen – dem neuen, transhumanen Menschen, der künftig an der Front der Man-made Evolution konkurrenzlos das Selektionsszepter schwingt. Wir sinnen längst nicht mehr ernsthaft darauf, wie der uns bedrohenden, zerstörten, vergifteten, übernutzten und ausgepowerten Umwelt global verbindlich Regenerationschancen gesichert werden könnten, sondern arbeiten mit aller Konsequenz daran, uns selbst mit unserem Körper aus den angestammten Naturbedingungen zu lösen.

Für viele scheint es attraktiver, kostengünstiger oder gewinnbringender, statt in aufwendige und frustrationsträchtige Umweltreparatur in die evolutive Selbstveränderung zu investieren. ...

Damit der Mensch, nach Herder der "erste Freigelassene der Natur", dieses Attribut wirklich verdient, muß er erst kräftig "Hand an sich legen". Und genau dies tun wir, wenn nicht alles täuscht, bereits in großem Stil: mit Gentechnologie und Mikrochirurgie, mit Kryonik und künstlichen Intelligenzverstärkern, mit Organprothetik, Wachstumshormonen und intelligenten Enzymen rücken wir dem "alten Adam" zu Leibe. Wir schmeicheln uns mit der Vorstellung, wir machten uns durch den technischen Fortschritt unabhängiger, intelligenter und mächtiger, wo wir in Wahrheit nur dazu beitragen, überflüssig zu werden. (S.218-219)

Zusammengestellt von Josef Reiter, BGIII

14. Februar 2004